Kleiner Mann was nun?

Schwäbische Zeitung : Babette Caesar

Lehrstück aus tiefem Ernst und praller Lust

Festspiele Wangen feiern Premiere mit Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“
Wangen
Vor nicht ganz 100 Jahren ist der Roman „Kleiner Mann, was nun?“ von Hans Fallada im Rowohlt Verlag erschienen. Mit und trotz aller Kürzungen wurde er zum Bestseller und gilt als des Autors Hauptwerk. Die Festspiele Wangen haben sich den Stoff für ihre diesjährige Saison vorgenommen, könnte er doch in Sachen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft kaum aktueller sein. Nun hat das Ensemble unter der Regie von Peter Raffalt am Mittwochabend im Zunftwinkel eine vielbeachtete Premiere gefeiert. Sind es in den vergangenen Spielzeiten überwiegend humorvolle Stücke mit Tiefgang gewesen, hat sich Raffalt dieses Mal für den eher umgekehrten Weg entschieden. Im Vordergrund steht mit Falladas 1932 veröffentlichtem Klassiker der Ernst der damaligen Weltwirtschaftskrise, den die beiden jungen Hauptdarsteller, Johanna Reinders als Emma „Lämmchen“ Mörschel und Nikolas Weber als Johannes Pinneberg, hautnah erfahren. Im Gegenzug wartet die Inszenierung mit emotional explosiv aufgeladenen Partien auf, in denen sich Anna Schönberg und Lukas Kientzler in ihren fantastischen Rollenwechseln ausleben können.

Am Bühnenrand hat sich Musiker Georg Brenner platziert, mitsamt E-Gitarre und elektronischem Equipment. Erstmals live präsent seit seiner langjährigen Kooperation mit Raffalt. Er ist es dann auch, der den Auftakt musikalisch inszeniert, mit einem melancholisch tönenden Intro zu den Monologen von Lämmchen und Pinneberg. Das Stück pendelt zwischen Erzähltem und Gespieltem, zwischen einer Art Sprechtheater und Handlung. Das mag zu Beginn ungewohnt tönen in dieser abstrakten Form. Doch schnell findet sich das Ensemble ein mit einem ungeheuer frisch und überschäumenden Lämmchen und einem eher verhaltenen, abwartenden Pinneberg.

Sie, die sich als „kleine Verkäuferin“ wertlos fühlt, noch in der Rolle des Aschenputtels gegenüber ihm, dem Buchhalter und noch Geldverdiener. „Ist sie wirklich hübsch oder doch nicht?“, fragt er sich im Stillen, sowie er nach ihrer Heirat den Ehering vom Finger zieht, sobald er seine Arbeitsstelle betritt. Hauptsache nicht arbeitslos werden, ist seine größte Befürchtung, und so soll niemand von seiner Ehe erfahren, will ihn Chef Kleinholz doch mit Tochter Marie verkuppeln.

Hier kommen die famosen Auftritte von Kientzler als rabaukenhafter Kleinholz, als aalglatter Spekulant Holger Jachmann oder als Verkäufer Joachim Heilbutt im Berliner Warenhaus Mandel zum Zuge. Nicht minder bravourös beherrscht Anna Schönberg mit Berliner Schnauze ihre Rollen - mal als Emmas Mutter Mörschel, wenn sie mit dem Hackmesser in der Hand den Schwiegersohn auf Herz und Nieren prüft. Oder wenn sie die unerbittliche Organisatorin Frau Spannfuss mimt, die gegenüber Pinneberg auf die Pflicht-Verkaufsquote pocht. Ihre Rolle als Pinnebergs Mutter Mia - durchgeknallt, egozentrisch und rücksichtslos gegenüber allem - ist einmalig. Alles Charaktere, die einem ans Herz wachsen - ob man will oder nicht. Dieses Geflecht aus zusehends an sich zweifelnder Liebe zwischen Lämmchen und ihrem „Jungen“ und den aufbrausenden, nicht minder ausweglosen Situationen hält der Sound von Georg Brenner zusammen. Nie aufdringlich, doch durchweg präsent, verleiht er dem Stück eine besondere Atmosphäre. Eine, die dazu beiträgt, wie das Stück sich über die gesamte Spieldauer sukzessive aufbaut. Fast unmerklich, möchte man meinen, fügen und verdichten sich die Szenen zu einem Ganzen. Gewinnt das Stück an Brisanz, wenn Pinneberg von einer Kündigung und Demütigung nach der nächsten an Mut verliert. Lämmchen - mittlerweile Mutter des kleinen „Murkel“ - hingegen ihrer Rolle des Aschenputtels entwächst und das Ruder übernimmt.

All das in einem Bühnenbild von Florian Angerer, der die Festspiele erstmals ausgestattet hat. Zusammen mit der langjährig erprobten Kostümbildnerin Elke Gattinger, der, so Raffalt, nicht das kleinste Detail entgehe. Angerer hat sich auf einen vermeintlich schlichten Kulissenaufbau aus Holz konzentriert. Hohe Bretterwände, davor diverse Sockelaufbauten. Das wirkt rustikal, bietet im Detail aber ziemlich viele humorvolle Überraschungen.

Wer im Ensemble auch in dieser Spielzeit nicht fehlt, sind mit Frank Peter Käse und Reinard Harnoss zwei „Wangener Urgesteine“, die zusammen mit Regieassistentin Caroline Ufer im Finale ihren stärksten Auftritt haben. Im Chor der Arbeitslosen, der in einem berührenden Sprechgesang das Schicksal Pinnebergs bescheinigt. Er ist einer von sechs Millionen, ein Nichts und doch ein Mensch, der „fühlt, denkt und erlebt“, wie sich Fallada einst über sein Werk äußerte.

Weitere Freilichtaufführungen des Abendstücks „Kleiner Mann, was nun?“ von Hans Fallada gibt es im Zunftwinkel bis zum 20. August, jeweils mittwochs bis samstags um 19.30 Uhr. Der Vorverkauf ist im Gästeamt Wangen, Telefon 07522 / 742 11 und per E-Mail unter tourist@wangen.de.


EditRegion1

Für den kleinen Hunger und für den Durst werden Getränke und kleine Stärkungen von dem Catering-Team angeboten.



Karten Abendstück

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Plakat: Kleiner Mann was nun? nach Hans Fallada
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Plakat: Des Kaisers neue Kleider





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